1. 10. 2004

Jan Lerch liest aus dem Roman

"Elementarteilchen"

von Michel Houellebecq1

Vom 21.September bis zum 2. Oktober fand in unserer Stadt unter dem Titel "4. internationales Literaturfestival Berlin" eine Fülle von Veranstaltungen zu den Literaturen der Welt statt. Im Rahmen dieses Festivals gab es, vermittelt durch den Schulsenator, am Rückert-Gymnasium eine Lesung eines professionellen Sprechers aus einem interessanten Werk. Jan Lerch, Sprecher der Abendschau im rbb, las einige Auszüge aus dem Roman "Elementarteilchen" von Michel Houellebecq. Aufmerksame Zuhörer waren die Schülerinnen und Schüler der Grundkurses de-1/Rinklake. Einige Tage vor der Lesung besprach der Kurs die Biographie des Autors und wurde mit den ihn prägenden Einflüssen bekannt gemacht. Hier zum Verständnis eine Kürzestfassung der Biographie:

„Autorenporträt

Michel Houellebecq wurde 1958 in La Reunion geboren und lebt in Paris. Er ist Preisträger des angesehenen Grand Prix National des Lettres. Die prominente Jury mit Julian Barnes, Philippe Sollers und Mario Vargas Llosa sprach ihm 1998 für seinen Roman Elementarteilchen den Prix Novembre zu. Von Michel Houellebecq sind 1999 auf Deutsch die Romane Ausweitung der Kampfzone und im DuMont Buchverlag Elementarteilchen erschienen. Zuletzt veröffentlichte der DuMont Buchverlag die Essays Die Welt als Supermarkt. Interventionen, den Gedichtband Suche nach Glück sowie die Erzählung Lanzarote." (2)

Der Roman erregte bei seinem Erscheinen in Frankreich viel Aufsehen, die Wellen erreichten mit der Veröffentlichung einer Übersetzung auch Deutschland, und hier wurde die Diskussion um das Werk fortgesetzt. Worum geht es in dem Roman? Auch hierzu eine knappe Information:

„Kurzbeschreibung
ELEMENTARTEILCHEN - der unmoralische Roman eines großen Moralisten - liefert das literarische Zeitbild der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts. Präzise und sachlich berichtet Michel Houellebecq vom glücklosen Leben der Halbbrüder Bruno und Michel. Ihre Mutter, eine radikale Jüngerin der 68er-Ideale, widmet sich ganz ihrer sexuellen Selbstverwirklichung und sorgt so dafür, daß das Leben ihrer Söhne von kalter Einsamkeit geprägt ist.
Bruno, der Ältere, wird zum Opfer seiner verzweifelten sexuellen Obsessionen. Michel ist Molekularbiologe und verbringt sein autistisches Forscherleben zwischen Supermarkt und Psychopharmaka, bis er in einem gentechnischen Institut in Irland das unsterbliche und geschlechtslose menschliche Wesen klont - eine Vision jenseits von Egoismus und sexuellem Elend. Mit Michel und Bruno entwirft Michel Houellebecq zwei Lebensläufe am "Ende der alten Ordnung"." (3)

Wer den - z.Z. gerade noch gültigen - Rahmenplan für das Fach Deutsch kennt, weiß, dass im Kurs de-1 mittelhochdeutsche Literatur zu besprechen ist, in diesem Falle wurde gerade Gottfried von Straßburgs „Tristan und Isolde" abgeschlossen. Eine Liebesgeschichte. Eine Liebesgeschichte? Gottfrieds Personen stehen am Anfang dessen, was in der Besprechung oben als „alte Ordnung" bezeichnet wird. Ungeachtet der Etikette und des übermächtigen ständischen Korsetts finden die Liebenden zumindest eine Zeit lang zusammen und erleben Glück. Seinen Zeitgenossen mochte Gottfried eine selbstbestimmte Verbindung auf emotionaler Basis in den höchsten gesellschaftlichen Kreisen nicht zumuten, sie hätten sie vielleicht auch gar nicht verstanden. Außerdem folgte er, mittelalterlicher Tradition gemäß, einer literarischen Vorlage. Tristan und Isolde trinken also einen Liebestrank, der für sie nicht gedacht war, dieser Trank schweißt sie in Gottfrieds Version, anders als in seinen Vorlagen, lebenslänglich zusammen. Das Liebesmotiv in den verschiedensten Spielarten durchzieht die Literatur wie ein roter Faden. Am Ende der „alten Ordnung", so habe ich Houellebecq verstanden, gibt es die Liebe und das damit verbundene individuell geschaffene Glück nicht mehr. Tatsächlich spielt sie in dem Roman auch fast keine Rolle. Die beiden Brüder erleben keine Elternliebe - eine Großmutter bildet eine Ausnahme - , da die Eltern sich nahezu nicht um sie kümmern und die Familienverhältnisse, vorsichtig ausgedrückt, chaotisch sind. Offensichtlich sind beide nahezu nicht in der Lage, Liebe zu geben oder zu empfangen. Etwas Entsprechendes gilt für Freude oder Zufriedenheit. Diese erbarmungslose Konstruktion der Personen ist dann auch die Grundlage für die erbarmungslose Konsequenz: „Das Ende der alten Ordnung."

Herr Lerch wählte vier typische Auszüge aus dem Roman, mit deren Hilfe wichtige Grundzüge des Werkes nachvollziehbar wurden, auch wenn man es bisher nicht kannte. Sicherlich werden einige Schülerinnen und Schüler es nach dieser Lesung selbst einmal lesen wollen. An die Lesung schloss sich eine zunächst vorsichtige, dann etwas lebhafter werdende Diskussion an.

Wir danken Herrn Lerch, dass er sich die Zeit nahm, die Textstellen auszuwählen, sie vorzutragen und zu diskutieren.

Klemens Rinklake, FBL

Jan Lerch (links)

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1) „Elementarteilchen" von Michel Houellebecq, (Übersetzung: Uli Wittmann)

List Taschenbuchverlag (August 2001) Broschiert, Preis: EUR 8,95

2) http://www.amazon.de/exec/obidos/tg/stores/detail/-/books/3548600808/reviews/ref=ed_er_dp_1_1/028-9282413-1118120 ---- 14.10.04, 22.45 Uhr

3) ebd.